Es ist der 27. März 2011. Wir heben die Gläser. Ja – erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik gewinnen die Grünen eine Landtagswahl. Aber es gibt noch einen weiteren, ganz persönlichen, Anlass zum Feiern.
Wir sind auf einem historischen Dorfspaziergang unterwegs und zwischen jedem Gang zu Fuß, gibt es einen kulinarischen Gang für den Gaumen. In einem historischen Fachwerk-Ambiente lerne ich ein kleines Dorf kennen, das künftig mein Lebensmittelpunkt werden soll. Ich bin 32 Jahre alt und habe in dieser Woche das vielleicht bisher Mutigste in meinem Leben getan. Ich habe zusammen mit meinem Partner eine Ruine gekauft. Ein Abenteuer beginnt – unsere ganz eigene Reise zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Bewahren und Erneuern, zwischen Herzblut und Schweiß, zwischen Bauabenteuer und Alltag.
Einige Wochen zuvor, auf der Suche nach einem Zuhause für unsere gemeinsame Zukunft, entdecken wir dieses Haus. Zugewachsen, heruntergekommen, im Dornröschenschlaf. Am Eingang ein alter Kirschbaum, im Inneren der schnöde Charme der 70er Jahre, muffig, dunkel, niedrige Decken. Von außen als Fachwerkhaus erkennbar mit bröckelndem Putz und unsaniert. Von innen sieht man nichts, was auf ein Fachwerkhaus hindeuten würde. Alte Tapeten, dunkelbraune Holzpaneele an den Decken, Teppich – und PVC-Böden auf teilweise unebenem Untergrund.



Wir betreten neugierig die einzelnen Räume. Sie haben eine gute Größe. Mit vorsichtigen Schritten und knarzenden Geräuschen, unsicher, ob alle Böden uns tragen, steigen wir die Treppe hoch ins erste Obergeschoss. Vom oberen Flur aus, kann man durch einen Spalt im Dach bis runter in den Garten schauen. Hier ist es im Winter mit Sicherheit frostig. Im Erdgeschoss gibt es zwei Holzöfen. Hier oben nicht. Dafür aber ein Schlafzimmer mit zwei Doppelstockbetten in die Dachschräge eingebaut, in denen nur Kinder Platz haben, nebenan das Schlafzimmer der Eltern. Skurrile Tapeten, dunkle Holzeinbauten, alte Elektroleitungen, alte einfach verglaste Fenster, aber keine Heizung.
In meinem Kopf fangen die Gedanken an zu Kreisen, ich sortiere die Räume vor meinem inneren Auge, stelle mir den Grundriss vor, überlege wo – was – wie – sinnvoll wäre, welche Räume wie mit Leben gefüllt werden könnten und immer wieder entdecke ich trotz all der heruntergekommenen Oberflächen einen Funken Schönheit hier und da.
Am Abend nach der Besichtigung hört das Gedankenkarussell nicht auf zu kreisen – es entstehen Bilder in meinem Kopf, die fertige Räume zeigen mit sichtbaren Holzbalken, Fenstern mit Sprossen, die den Blick in einen liebevoll gestalteten Garten mit Obstbäumen zeigen. Irgendwo das Lachen von spielenden Kindern.



Ich recherchiere und analysiere: Was gibt es zur Geschichte des Dorfes, wie ist es angebunden an die nächste Stadt, was gibt es im Umfeld – Kultur, Natur, Infrastruktur? Viele wichtige Fragen, sollten vorab so gut wie möglich geklärt werden. Wir verlieren uns in langen Gesprächen aus Zukunftsspinnereien, Bau- und Planungsstrategien und tiefer Euphorie für ein gemeinsames Leben in den eigenen vier Wänden.
Mit einer Unterschrift im März 2011 ist es dann besiegelt – das alte verfallene Haus, das diesen besonderen Zauber umgibt, ist nun unseres. Unser Denkmalschutz-Abenteuer beginnt.
Von der Idee bis zur Unterschrift
Ein solcher Schritt will natürlich wohl überlegt und gut geplant sein. Besonders ein Altbau kann einige Überraschungen bereithalten, die erst mit der Zeit zutage treten. Kaum jemand hat das Geld auf der hohen Kante – also müssen Finanzierungen geklärt werden, aber auch behördliche Abstimmungen, der Austausch mit dem Denkmalschutzamt, Gutachten zur Substanz, Flächen – und Kostenermittlungen und vieles mehr.
Über all diesen Themen schwebte aber auch immer die Frage: Wollen wir es wirklich wagen? Ich habe mir Rat gesucht bei Freunden, Bekannten und Kollegen, die diesen Weg schon gegangen waren, die schon viele Jahre in einem ähnlichen Gebäude leben und von ihren Erfahrungen berichten konnten. Eine Frage habe ich ihnen allen gestellt: Hast du es je bereut? Und die Antwort war immer und sofort: Nein! Sie haben berichtet von Höhen und Tiefen, aber die Gespräche und das Glitzern in ihren Augen, wenn sie von ihrem Weg und ihrem Zuhause berichtet haben, haben mir Mut gemacht.
Aber es gab auch kritische Stimmen, die die viele Arbeit und die Herausforderungen sahen oder die sich einfach nicht vorstellen konnten, dass diese Ruine tatsächlich zu einem schönen bewohnbaren Haus werden könne. Ich zitiere einen Freund, der, wie er uns später beichtete, bei seinem ersten Besuch auf unserer Baustelle dachte: „Ich habe sie ja wirklich gern, aber jetzt haben sie völlig den Verstand verloren.“
Doch je tiefer wir uns mit all den Fragen beschäftigten, desto klarer wurde unsere Vision von unserem künftigen Zuhause und desto klarer wurde der Wille, dieses fast 300 Jahre alte Haus so zu sanieren, dass es weitere 300 Jahre gut erhalten bleibt. Wir waren geleitet von der Idee, nachhaltig und biologisch zu bauen und alte Substanz zu erhalten, mit einer großen Wertschätzung und Respekt für alte Handwerkskunst und nicht ohne den romantischen Gedanken, was dieses Haus uns alles erzählen würde, wenn seine Mauern sprechen könnten.
Ich kaufte mir einige Bücher, wie es so meine Art ist, wenn ich tief in ein Thema eintauche. Es war gut acht Jahre her, dass ich mich zuletzt intensiv mit dem Thema Denkmalschutz beschäftigt hatte. Im Studium war das Bauen im Bestand einer meiner Schwerpunkte gewesen und in meiner Diplomarbeit hatte ich ein Konzept für die Sanierung, Umnutzung und Erweiterung einer alten Holländerwindmühle erarbeitet. Nun also Fachwerk-Architektur.
Wenn du Lust hast, nehme ich dich mit auf meine Reise in die Vergangenheit. 22 Monate Denkmalschutz-Abenteuer vom Kauf bis zum Einzug und dabei immer wieder ein Blick auf architekturpsychologische Aspekte.
