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Nun also Fachwerkarchitektur …

Fachwerk freigelegt

Das Haus war gekauft, nun gab es kein Zurück mehr. Die nächsten Wochen und Monate wurden arbeitsintensiv und staubig. Eine Zeit, die uns bis heute gut im Gedächtnis geblieben ist. Besonders weil wir viel Unterstützung von Familie, Freunden, Kollegen und Nachbarn erfahren haben und es neben all der Arbeit auch eine sehr schöne und besondere Zeit war. Noch heute, 15 Jahre später, erzählen wir uns die eine oder andere Anekdote aus der Zeit, wenn wir mit Freunden zusammensitzen.

Fachwerkgebäude gibt es schon seit vielen Jahrhunderten, ja vielleicht sogar Jahrtausende. In Deutschland erlebte der Fachwerkbau seine Blütezeit wohl im Mittelalter, zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert. In unserem Dorf stammt das älteste Fachwerkhaus aus dem 15. Jahrhundert. Um unser Haus besser zu verstehen, besuchten wir Freilichtmuseen, sprachen mit Experten, recherchierten im Internet und wälzten Bücher, besuchten Messen und tauchten ein in die Welt des historischen Holzbaus, aber auch in die Geschichte unseres Dorfes. Es war eine lehrreiche Zeit über Holzbau und Lehmbau, über historische Konstruktionen, Materialkunde vergangener Zeiten, sowie Handwerkskünste und Lebensweisen vergangener Generationen.

Neben der theoretischen Auseinandersetzung lernten wir auch ganz praktisch an unserem alten Bauernhaus, was ein Fachwerkhaus ausmacht, wie es aufgebaut ist, welche Geschichten die Struktur erzählt – zwischen Interpretation und dendrochronologischer Untersuchung.

Ganz vorsichtig klopften wir Schicht für Schicht von den Wänden, nicht sicher, ob wir womöglich noch historische Wandmalereien entdecken würden. Stück für Stück, Jahrhundert für Jahrhundert kamen wir dem ursprünglichen Zustand des Gebäudes näher.

Ohne eine professionelle Baustelleneinrichtung und ganz sicher noch mit einer nur rudimentären Ausstattung an fachgerechtem Werkzeug, gaben wir unser Bestes. Und doch waren wir nach den ersten zwei Wochenenden gerade mal mit der Freilegung der ersten Wand halb fertig. Am Abend überschlug ich, wie lange wir mit dieser Taktik wohl brauchen würden, bis alle Wände vom Putz und den Sünden der letzten Jahrzehnte befreit wären. Zu lange. Also rüsteten wir Werkzeug auf: aus Hammer und Meißel wurde Elektrohammer, aus Eimern mit Schutt – treppauf, treppab – wurde ein kleiner Kran (eine Elektrowinde aus dem Fenster heraus) und dort wo möglich bauten wir Rampen für Schubkarren.

Und wir starteten „Wochenend-Baustellen-Events“ mit Freunden und Kollegen. Viele liebe Menschen packten mit an, wer nicht handwerklich dabei war, sorgte für ein leckeres Essen für alle. Mittlerweile hatten wir uns im alten Pferdestall ein kleines Basislager eingerichtet mit Miniküche und Wasserkanister und Platz für zwei Klappmatratzen. So konnten wir unnötige Fahrzeiten einsparen, denn wir wohnten zu der Zeit 50km entfernt von unserer Baustelle.

Parallel neben all der staubigen Arbeit kümmerte ich mich um den Bauantrag und die Dokumentation für die Denkmalschutzbehörde. Mit dem Zurückversetzen in den Urzustand des Hauses, war nun der Moment gekommen, an dem ich das Raumbuch für das gesamte Haus erstellen konnte – die Dokumentation der historischen Bausubstanz. Hier waren meine Kolleginnen mein größter Schatz – sie kamen übers Wochenende zu einem weiteren „Baustellen-Event“ und halfen mir beim Aufmaß jedes einzelnen Balkens und jeder einzelnen Öffnung im Haus. Ich hatte dann die ehrenvolle Aufgabe alles digital zusammenzufassen und den Bauantrag voranzubringen, während andere im Angesicht ihres Schweißes auch noch die letzten Winkel des Hauses von Dämmstoffsünden, PVC-Dekorfolien und Spanplatten-Verkleidungen befreiten.

Es gab auch Überraschungsmomente, die Teile der Planung noch einmal umwarfen. So entdeckten wird beispielsweise noch eine zusätzliche Fensteröffnung im künftigen Wohnzimmer. Wer sich mit Fachwerkhäusern auskennt, weiß wie wertvoll so ein Fund für die Belichtung in so einem alten Haus sein kann. Ich machte Freudensprünge, denn jede nicht historische, neue Öffnung in einem Denkmal hätte gute Begründungen und manchmal einiges an Überzeugungskraft bei der Behörde erfordert. Es war also ein Geschenk, das heute die Morgensonne im Osten ins Zimmer scheinen lässt und den Blick auf die blühende Wiese im Garten freigibt.

Noch eine besondere Entdeckung waren zwei alte Feuerstellen, was Bauhistoriker zu der Vermutung veranlasste, dass das Bauernhaus ursprünglich für zwei Familien geplant war. Bis auf die Natursteinsockel des Kellers gab es genau zwei Wände im Haus, die nicht wie alle anderen aus einem Lehm-Holz-Geflecht zwischen Ständern, Rehm und Streben bestanden. Diese beiden Wände waren stabil aus Sandstein gemauert, mit einer Öffnung, die Küche und Wohnraum verband. In dieser Öffnung hing der Topf über dem offenen Feuer. Beim Freiklopfen der Wände entdeckten wir einen wunderschönen Ofenstein mit der Jahreszahl 1765, auf dem über Jahrhunderte das Feuer gemacht wurde, für jedes Essen, das die damaligen Bewohner des Hauses zubereiteten. Durch ein offenes Loch in der Decke zog der Rauch zum Dach heraus. Die Balken lassen die Spuren der Zeit noch heute erkennen und man kann sich noch vorstellen wie die geräucherten Schinken damals dort oben im Gebälk hingen.

Diese Feuerstelle verdiente natürlich eine wertschätzende Restaurierung, so dass  der von uns an dieser Stelle angedachte wasserführende Kaminofen, der neben einer gemütlichen Atmosphäre auch für unsere Warmwasserversorgung zuständig sein sollte, weichen musste. Beeindruckend, wie sich die Baumeister vor 300 Jahren mit mir einig waren, dass dies der perfekte Platz für eine Feuerstelle im Wohnraum ist. Wir fanden dann doch noch eine gute Lösung, die unseren Kaminofen trotzdem ermöglichte und der historischen Feuerstelle nicht die Show stiehlt.

Mittlerweile war es Frühsommer geworden und mein Lieblingsarbeitsplatz zum Zeichnen der Baupläne war unter dem Kirschbaum im Garten. Manchmal kamen Nachbarn vorbei, die neugierig und fürsorglich zugleich das Gespräch suchten und uns die eine oder andere Geschichte zum Haus erzählen konnten. Manche kochten uns Kaffee, andere brachten frischgebackene Waffeln, wieder andere wollten einfach mal reinschauen oder wir bekamen alte Fachbücher geschenkt, von Nachbarn, die selbst auch vor vielen Jahren ihr Fachwerkhaus saniert hatten. Heute würde ich sagen, es gibt drei Dinge, die Menschen schnell mit einer neuen Nachbarschaft in Kontakt bringen: Kinder, Hunde und Baustellen.